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Verarbeitung...

BeitragVerfasst: 30. Oktober 2006 22:40
von betroffener
Hallo!


Ich bin jetzt 17 Jahre alt und als meine Eltern sich haben scheiden lassen, war ich noch sehr klein, so dass ich das damals kaum wahrgenommen habe und bis heute nicht die wahren Probleme kenne...

Mein Vater erzählte mir, meine Mutter hätte mich abtreiben lassen wollen, meine Mutter wäre Alkoholabhängig gewesen, hätte Selbstmord mit Schlaftabletten versucht, daraufhin hätte er sie in eine Psychotherapie gebracht... dort soll sie E. (den sie mittlerweile geheiratet hat) kennen gelernt haben und hätte sich deshalb scheiden lassen...
Jedesmal wenn er mir etwas darüber erzählt hat, wünschte ich mir er hätte es nicht getan...

Meine Mutter wiederum erzählt mir, mein Vater habe sie ständig ausgenutzt und arbeiten lassen und würde auch jetzt keine Mittel scheuen, um ihr trickreich Geld weg zu nehmen...

Ich weiß einfach nicht, wem ich glauben soll. Wie soll ich damit zurechtkommen????


Als ich noch jünger war, sollte ich jedes zweite Wochenende und jeden Mittwoch bei meiner Mutter sein. Immer wenn sie kam, um mich und meinen Bruder abzuholen, endete es in einem heftigen Streit zwischen meinen Eltern.

Mein Bruder ist vor ein paar Jahren zu meiner Mutter umgezogen. Ich denke, mein Vater befürchtet, ich könnte dasselbe tun, und deshalb droht er mir damit, dass ich - sollte ich ausziehen - später von ihm keine (finanzielle) Hilfe von ihm bekommen würde.



So richtig damit auseinandergesetzt habe ich mich mit dieser ganzen Situation nicht, sondern es verdrängt. Im Augenblick bin ich ziemlich am heulen. Das ist wohl ein Zeichen dafür, dass ich das alles nicht wirklich verarbeitet habe... Deshalb versuche ich hier Hilfe zu finden..


Bin für jede Antwort dankbar!

Re: Verarbeitung...

BeitragVerfasst: 30. Oktober 2006 23:53
von Tamara22
Hallo betroffener,

ich möchte dich hier erst einmal sehr herzlich willkommen heißen.
Es ist schlimm so zwischen den Stühlen zu sitzen. Ich glaube viele hier kennen das...
Ich finde es toll, dass du von dir geschrieben hast und ich denke du wirst hier viele Anregungen finden. Übrigens hast du doch schon einen sehr entscheidenen Schritt in der Aufarbeitung getan, du hast davon erzählt, darauf kannst du wirklich stolz sein.

Ein paa Gedanken von mir.
Die Beziehungsgeschichte deiner Eltern hat mit dir nichts zu tun. Dein Gefühl du hättest vieles lieber nicht gehört ist deshalb in meinen Augen eine verständliche Reaktion. Ich denke du wirst mit der Zeit deinen Weg finden, deine Sicht auf die Dinge, um dir den Weg frei zu machen und aufzustehen von diesen beiden Stühlen, auf die dich deine Eltern gesetzt haben. Das ist und war nicht richtig von Ihnen. Leider schaffen es die Ehepartner nicht immer ihre Rolle als Eltern in einer Trennungssituation gut weiterzugestalten, leider...

Dass dich dein Vater unter Druck setzt ist nicht in Ordnung. Scheinbar hat er keine andere Möglichkeit mit seinen Gefühlen dir gegenüber umzugehen.

Letzlich ist es wichtig, dass du deinen Standpunkt suchst. Du hast ein rcht auf beide Eltern und du darfst beide lieben, weil sie deine Eltern sind. Ihr Verhalten mag nicht immer ok sein, dennoch hat vieles davon, ich denke sogar das meiste, nichts mit dir zu tun, sondern mit der Beziehung, die sie nicht geklärt haben.

Ich wünsche dir Kraft und Mut für dich einzustehen und das Wissen um die Liebe von Eltern für ihre Kinder.

Lieben Gruß für den Moment
Tami

Re: Verarbeitung...

BeitragVerfasst: 31. Oktober 2006 12:03
von nemo
Lieber Betroffener,

erstmal: willkommen hier und fühle dich mal ganz herzlich gedrückt.. von einem "erwachsenen" Scheidungskind, das gut nachvollziehen kann, was du gerade durchmachst.

Ich finde es sehr schlimm, dass dein Vater dir das mit der Abtreibung gesagt hat und dir damit droht, für deine Ausbildung nicht zahlen zu wollen. Lass dich von diesen Drohgebärden bloss nicht zu sehr beeinflussen. Er wird zahlen müssen. Vielleicht kommt er bis dahin selbst noch auf den Trichter, was er dir mit all dem eigentlich antut (und angetan hat), vielleicht auch nicht, jedenfalls, gibt es dafür Gesetze und genug Leute, die dir helfen werden.

Offenbar ziehen deine Eltern dich in ihre Probleme auf der Beziehungsebene mit rein, und das ist absolut nicht ok, sondern seelischer Missbrauch. Versuche, dir das klar zu machen, und, wenn sie es selbst schon nicht einsehen, dann das zumindest für dich so klar zu sehen, und dich davon zu distanzieren. Wenn sie dich für ihren eigenen ungeklärten Kram missbrauchen, dann sage ihnen, dass du davon nichts hören willst und sie das bitte unter sich klären sollen. Du bist (fast) noch ein Kind und hast ein Recht auf ein eigenes, glückliches Leben, und darauf, dir ein eigenes Leben aufzubauen. Was auch immer deine Eltern falsch gemacht haben, du hast die Chance, es besser zu machen! Und es gibt genug Leute, die dir dabei helfen würden (zB hier im Forum ;). Du bist nicht alleine!

alles Liebe
die_nemo

Re: Verarbeitung...

BeitragVerfasst: 7. November 2016 01:15
von betroffener
Hallo

mein letzter Beitrag in diesem Forum ist jetzt zwar 10 Jahre her und möglicherweise sind die, die mir damals geantwortet haben gar nicht mehr in diesem Forum unterwegs, aber dennoch möchte mich für die Antworten von damals bedanken. Damals hat es mir sehr geholfen, einfach einmal über meine Situation zu schreiben. Ich möchte nun den alten Beitrag vervollständigen und darüber hinaus aufzeigen, auf welche Weise dies mein weiteres Leben beeinflusst hat. Ich tue dies, weil ich mir erhoffe, dadurch irgendwann mit den Dämonen aus meiner Vergangenheit abschließen zu können, die mich in den letzten Tagen wieder eingeholt haben.

Dass sich meine Eltern getrennt haben, als ich noch relativ jung gewesen bin, habe ich bereits vor 10 Jahren geschrieben. Dies wäre nicht so schlimm gewesen, wenn die Trennung damit abgeschlossen gewesen wäre. Ich weiß noch ganz genau, dass immer dann, wenn meine Mutter kam, um mich fürs Wochenende abzuholen, ein klein-geistiger Streit zwischen meinen Eltern entstanden ist, den ich dann mit eigenen Augen und Ohren miterleben musste. Des Weiteren haben haben sowohl mein Vater als auch meine Mutter mir immer wieder schlechte Dinge über den jeweils anderen erzählt und mir teilweise auch Dinge erzählt, von denen ich wünschte, ich hätte sie niemals erfahren. Dies habe ich bereits im ersten Beitrag beleuchtet und deswegen gehe ich nicht nochmal darauf ein. Es gibt aber noch einige Dinge, über die ich damals nichts geschrieben habe, was ich nun nachholen möchte.

Als ich ungefähr 6 oder 7 Jahre alt gewesen bin, hat mein Vater noch einmal eine Frau geheiratet, mit der ich mich überhaupt gar nicht zurecht gekommen bin. Ich weiß noch ganz genau wie sehr ich diese Frau - die ich manchmal in Gedanken Hausdrache genannt habe - damals gehasst habe, denn ich erinnere mich allzu gut an den unfreundlichen Tonfall, mit dem sie stets zu mir geredet hat, an die ständigen Herabwürdigungen und ihre gehässigen Kommentare, die ich damals einfach nur als gemein empfand. Zum Beispiel als mir ihr Essen nicht schmeckte, hat sie zu mir die Frage "Welchen Scheiß isst du denn bei deiner Mutter?" direkt ins Gesicht geschmettert - als Reaktion darauf hatte ich mich dann für eine Weile in meinem Zimmer eingeschlossen. Als mein Vater wegen einem Herzinfarkt (den er zum Glück überlebt hat) ins Krankenhaus musste, war das erste, was sie zu mir gesagt hat: "Du rufst jetzt sofort deine Mutter an, damit die dich abholt." Für sie war natürlich klar, dass ihr Sohn, den sie mit meinem Vater bekommen hat, ja viel wichtiger ist als dieser fremde Junge dort, so dass sie selbstverständlich immer ihren Sohn bevorzugt hat. Auf diese und ähnliche Weise, hat sie mir immer wieder und wieder aufs Neue ihre Ablehnung mir gegenüber deutlich gemacht.
Nun will ich nicht ausschließen, dass ich möglicherweise auch gemein zu ihr gewesen bin, denn schließlich habe ich sie ja wirklich gehasst, aber ich kann mir unmöglich vorstellen, dass ein Kind völlig grundlos einen derartig bodenlosen Hass empfinden kann. Damals konnte ich mich nicht intellektuell gegen diese Frau wehren, zumal es dann immer auch von meinem Vater hieß, ich würde seine aktuelle Liebe zerstören, wenn ich wagen sollte, sie zu kritisieren. Das Resultat war, dass ich mich quasi in mich selbst zurückgezogen habe, was meine Persönlichkeit bis heute nachhaltig beeinflusst hat.
Ich will dazu noch anmerken, dass ich mit dem Mann meiner Mutter völlig gut zurecht gekommen, obwohl mir mein Vater immer wieder gesagt hat, dass er der Mann ist, mit dem meiner Mutter damals fremd gegangen ist. Es ist also irgendwie paradox, dass ich diesen Mann gut leiden konnte, obwohl ich wusste, dass zu einem großen Teil mitschuldig an meiner unglücklichen Kindheit sein muss. Ich denke diese Tatsache verdeutlicht, wie wichtig es ist, dass Menschen, die in eine Patchwork-Familie herein heiraten, sich der besonderen Beziehung zu den Kindern bewusst sein müssen und sich entsprechend verhalten sollten. Ich glaube sofort, dass dieser Hausdrache mit der Situation überfordert gewesen ist, was aber keine Entschuldigung für ihr schäbiges Verhalten mir gegenüber sein kann.

Irgendwann - ich glaube, ich war ungefähr 8 bis 10 Jahre alt gewesen - gab es zwischen meinen Eltern eine juristische Auseinandersetzung um die Frage, ob ich (und mein Bruder?) fortan hauptsächlich beim Vater und der Mutter wohnen sollen. Ich weiß noch ganz genau, dass mich mein Vater damals in den Wochen davor massiv psychisch bearbeitet hatte, damit ich auch ja das "Richtige" aussage. Ich weiß zwar noch, dass ich zwar dann getrennt von meinen Eltern befragt worden bin, aber natürlich habe ich so geantwortet, wie ich aufgrund der Beeinflussung meines Vater antworten musste. Ich glaube übrigens nicht, dass damals jemanden aufgefallen ist, dass ich vom Vater derartig bearbeitet worden bin.

Der durch die Trennung meiner Eltern nicht abgeschlossene andauernde Streit, in den ich mit hinein gezogen worden bin und der teilweise vor meinen Augen und Ohren ausgetragen worden ist, und der Dauerkonflikt mit der neuen Frau meines Vater haben bei mir bewirkt, dass ich bis zu meinem 12. bis 15. Lebenjahr eigentlich überhaupt kein richtiges Selbstbewusstsein sowie kein gesundes Selbstwertgefühl ausbilden konnte, vermutlich auch unter Minderwertigkeitskomplexen gelitten habe und auf jede kleinste Kritik viel zu sensibel reagiert habe. Außerdem habe ich mich sehr zurückgezogen und einen introvertierten Charakter ausgebildet. Auf mein mangelndes Selbstwertgefühl habe ich reagiert, in dem ich perfektionistische Charakterzüge entwickelt habe, die ich bei meinen Hobbys und in der Schule sowie später im Studium ausleben konnte. So konnte ich mir zeigen, dass ich Dinge kann, die sonst kaum jemand kann, und konnte ganz langsam Vertrauen in meine eigenen Fähigkeiten entwickeln. Ansonsten habe ich mich von anderen Menschen so weit es geht zurückgezogen und mir quasi einen emotionalen Schutzpanzer gebaut habe, in den ich mich zurückziehen kann. Ich bin mir sicher, dass ich dies machen musste, weil dies meine einzige Möglichkeit gewesen ist, mich selbst am Leben zu erhalten.

In den letzten 10 Jahren habe ich ein sehr gutes Abitur gemacht, bin ich später in eine andere Stadt gezogen und habe dort sehr erfolgreich studiert. Trotz der räumlichen Distanz zu meinen Eltern, gibt es aber leider immer noch Dinge, die ich nicht ganz überwunden habe. Zum Beispiel habe ich stets eine gewisse Distanz zu anderen Menschen bewahrt und habe niemanden zu nah an mich heran gelassen. Bislang war noch nicht in der Lage gewesen, zu anderen Menschen eine emotionale Bindung aufzubauen. In den letzten Jahren habe ich insgesamt nur ganz selten andere Menschen in meine Wohnung hereingelassen, habe immer noch Schwierigkeiten auf andere Menschen zuzugehen, und mich dadurch - abgesehen von einigen Bekanntschaften - sozial größtenteils isoliert. Ich denke, dass es nun an der Zeit für mich ist, ein wenig mehr aus mir herauszukommen, und zu lernen, andere Menschen in meiner Nähe zuzulassen - wenn mir dies nicht gelingt, dann werde ich eines Tages völlig vereinsamt sein, was zur Zeit meine größte Sorge ist.